»Ist das noch Journalismus oder schon ein Roman?« 

Der Chefredakteur der Zeitung Die Zeit, Giovanni di Lorenzo, hält während einer Preisverleihung 2016, Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/Pool/dpa

Fake beim SPIEGEL. Der ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo spricht über Kriegsreporter, Wahrhaftigkeit und Preisgeilheit.

(Dies ist eine Übung im Rahmen eines Seminars an der HMS.)

Der Betrugsfall beim Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« beschädigt nach Ansicht des »Zeit«-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo das Genre der Reportage als Ganzes. Dies gelte insbesondere für »die Figur des Kriegsreporters, der normalerweise in Gebiete geht, in denen die Herrschenden ein besonderes Interesse daran haben, dass keine Informationen nach außen dringen«, sagte di Lorenzo in einem »Spiegel«-Interview. »Diese Reporter geraten jetzt unter Generalverdacht, weil es kaum möglich ist, ihre Recherchen vollständig nachzuvollziehen.« Dass jetzt an der Wahrhaftigkeit von Berichten gezweifelt werde, für die Menschen ihr Leben einsetzten, das sei der eigentliche Schaden.

Hamburg: Das Verlagsgebäude des Spiegel-Verlags am Rande der Hafencity. Foto: Christian Charisius/dpa, 2015

Der »Spiegel« hat das Interview mit di Lorenzo in seiner neuen Ausgabe gedruckt, die seit Samstag auf dem Markt ist und den Betrugsfall im eigenen Haus zur Titelgeschichte macht. Nach Angaben des Hamburger Nachrichtenmagazins hat ein Redakteur »in großem Umfang seine eigenen Geschichten gefälscht und Protagonisten erfunden – er hat die Leser und seine Kollegen getäuscht«.

Das Cover des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« Nr. 52, der am 22.12.2018 erscheint.

Di Lorenzo sagte, es müsse auch die Frage gestellt werden, ob es im Genre der Reportage zu einer Deformation gekommen sei, die alle Häuser betreffe. »Bei einigen Arbeiten, die für den Nannen-Preis eingereicht werden, frage ich mich: Ist das noch Journalismus oder schon ein Roman?« Di Lorenzo sitzt in der Jury des Nannen-Preises, der zu den wichtigsten Auszeichnungen im deutsch­sprachigen Journalismus gehört. »Mittelmäßige und langweilige Geschichten sind und bleiben eine Zumutung! Andererseits gibt es die eine oder andere Reportage, bei der es mittlerweile so ist wie bei der Überzüchtung von Hunden oder Pferden – zu schön, um noch authentisch zu wirken«, sagte di Lorenzo.

Über den »Spiegel«-Redakteur, der im großen Stil Texte gefälscht haben soll, meinte di Lorenzo, seiner Erinnerung nach seien in den vergangenen Jahren mindestens zwei Geschichten des Journalisten in der Diskussion für die beste Reportage des Jahres gewesen. »Aber in der Jury gab es Zweifel an den Geschichten.« Zwar sei nicht an Fälschungen gedacht worden. »Aber diese Geschichten waren von einer Glätte, Perfektion und Detailbesessenheit, dass es einige von uns nicht glauben konnten.«

 

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