Die Stunden der Tragödie

Der Unglücksort am Fuße der Hauptrampe (Quelle: Wikipedia)

Eigentlich sollte es eine ausgelassene Feier werden. Doch die Loveparade in Duisburg entwickelte sich zu einem Desaster. Der Weg der Katastrophe ist gepflastert von wegschauenden Planern der Stadt Duisburg, verantwortungslosen Partyveranstaltern, unkoordinierten Sicherheitskräften und überforderten Beamten. Die Funksprüche der Polizei legen die Details dieser Tragödie offen.

11:49 Uhr:

„Zur Kenntnis, die neu anvisierte Öffnung für ca. 11:40 Uhr hat bisher nicht stattgefunden. Da verzögert sich wieder alles (…) Also so wie immer. Rein in die Kartoffeln raus aus den Kartoffeln.“

Eigentlich sollte das Gelände bereits um 11 Uhr geöffnet werden. Zu diesem Zeitpunkt fehlte noch eine letzte Genehmigung um die Loveparade wirklich durchzuführen.

14.09 Uhr:

„Wir brauchen Securitykräfte und zwar ans Ende der Rampe. Damit die dort reinströmenden Massen verteilen nach rechts und links. Die dort stehenden zwei Securities sind eindeutig zu wenig.“

(Foto: Arne Müseler)

Bereits kurz nach dem offiziellen Start der Loveparade ergeben sich erste organisatorische Probleme. Die Massen verteilen sich nicht wie geplant um die Bühne herum sondern bleiben Zentral davor stehen. Die beiden eingeteilten Mitarbeiter schaffen es nicht, die Menschenmengen zu leiten.

Der Wahnsinn beginnt

14.52 Uhr:

„Wir brauchen einen Rettungswagen. Und zwar Eingang von der Karl-Lehr-Straße aus auf die Rampe. Rechtsseitig am Zaun. Eine hilflose Person mit unregelmäßigem Puls.“

Kurz vor 15 Uhr kommt es zu den ersten Problemen wegen der zu großen Menschenmengen.

15:18 Uhr:

„Hier sind ein paar Leute zusammengebrochen, die wurden aber kreuz und quer raustransportiert, wo gerade Platz war. Wir haben hier teilweise den Zaun aufgemacht, damit die Leute raus kamen.“

Knapp eine Stunde nach offiziellem Beginn, bildet sich der erste Rückstau. Es kommt zu weiteren organisatorischen Problemen. Krankenwagen und Rettungskräfte finden keinen Weg durch die Menschenmengen um den verletzten Personen zu helfen.

15:33 Uhr:

„Vorschlag des Veranstalters, der sich für vernünftig anhört, ist, an den beiden Zulaufstellen Ost und West für maximal 10 Minuten zu sperren. Wenn diese Sperre eingezogen ist, würden wir mit der 15. (Polizeihundertschaft) auf halber Höhe der Rampe sperren und dann zusammen mit Kräften der 15. und dem Veranstalter die Leute Rampe rauf und dann in den Südbereich des Veranstaltungsgelände bringen. Können wir aber nur dann machen, wenn die Abschnitte Ost und West diese Sperrung mit verpacken. Bitte einmal abklären, ob wir das machen können.“

Den Verantwortlichen dämmert langsam, dass das entwickelte Sicherheitskonzept dem Ansturm der Menschen nicht gewachsen ist. Auf die Schnelle wird ein Plan B entwickelt um den Menschenmaßen Herr zu werden.

15:46 Uhr:

„Wir müssen jetzt an den Zulaufstellen Ost und West an der Karl-Lehr-Straße sperren. Info jetzt an Köln und Wuppertal (Polizeikräfte an den beiden Sperren. die Red.) Ost und West für ca. 10 Minuten schließen und dann hier auf dem Gelände…und danach geht’s weiter.“

15:48 Uhr:

„Soeben von Lopavent (Securityteam Loveparade): Beide Vereinzelungsanlagen werden sofort geschlossen.“

Nach 15 minütiger Beratungszeit wird Plan B in die Tat umgesetzt.

Es folgt eine Reihe von Funksprüchen, die das drohende Chaos beschreiben:

15:51 Uhr:

– „Würde gern noch mal die Schleusen öffnen, ist das aus Ihrer Sicht möglich?“

– „Ne, auf gar keinen Fall!“

15:58 Uhr:

– „An der Sperrstelle Ost da knallt es gleich.“

– „Durchbruch der Vereinzelungsanlage. Wird jetzt wieder zurückerkämpft.“

Die Lage gerät aus den Fugen

15:58 Uhr:

„Da wird der Rettungswagen der jetzt durch die Vereinzelungsanlage fährt und die Leute quasi an den Zaun drückt, auch maßgeblich dran beteiligt sein, dass das zu dieser Eskalation führt.“

16 Uhr:

„Wir haben den Zaun(…unverständlich) Absperrung(…unverständlich) wieder clean. Wir haben die Lage wieder im Griff.“

Zu dieser Zeit meldet sich der Polizeiführer, der bis zu diesem Zeitpunkt Besuch des Innenministers Ralf Jäger hatte. Von den Diskussionen um die Überfüllung im Inneren und die Probleme, die Sperren zu halten, scheint dieser nicht viel mitbekommen zu haben.

„Soeben fragt der PF nach, ob es möglich ist die Zugänge wieder zu öffnen, weil natürlich draußen entsprechender Druck entsteht.“

16:03 Uhr:

„Hier sitzen mindestens 10 Personen. Ich kann aber im Moment nicht sagen, was die haben. Die Situation ist deshalb entstanden, weil irgend so ein bescheuerter Rettungswagen mitten durch die Sperren durch gefahren ist. Das kann und darf nicht sein.“

Die Polizei drängt die Menschen an den Sperren mit Pfefferspray zurück. Die Lage beginnt zu merklich zu eskalieren. Zu allem Überfluss beginnen gegen 16:06 Uhr auch noch Funkprobleme.

16:07 Uhr:

„Im Eingangsbereich, auf Grund weiteren Drängens auf die Tore haben wir hier mehrere verletzte Personen. Wir bräuchten ma Rettungswagen vielleicht auch n‘ Arzt hier. Wir haben hier auch Geschädigte durch Pfefferspray.“

16:09 Uhr:

„Wir müssen jetzt massiv Leute über den Zaun rausholen. Also es stehen hier reichlich Leute kurz vor’m Kollaps. Das sind Panikreaktionen.“

16:10 Uhr:

„Wir haben gerade aktuell Grabenstraße/Karl-Lehr-Straße eine Schlägerei. Beteiligt 6 Personen.“

16:12 Uhr:

„Ich höre gerade zwischen Eingang West und Rampe ist der Zaun niedergerissen. Die Leute strömen da übers Gelände.“

16:17 Uhr:

„Da oben entzerrt sich nichts und die Leute klettern uns hier auch seitlich auf das alte Stellwerk rauf. Wir brauchen noch ein bisschen mehr (Funkkontakt bricht ab.)“

Aus den Funksprüchen ist eine wachsende Hilflosigkeit herauszuhören.

Loveparade Duisburg. (Quelle: Daniel Naupold/dpa)

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

16:20 Uhr:

„Dringende Bitte an Deutsches Rotes Kreuz, Malteser oder weiß sonst wen, fußläufig müssen die Trupps (Sanitäter die Red.) hier dislozieren. Das mit den Krankenwagen ist alles Irrsinn hier oben.“

16:24 Uhr:

„Pass auf. Wir prügeln dir jetzt zwei Teams vom Rettungswagen plus Notarzt einmal durch. Wir kommen zum Haupteingang.“

16:25 Uhr:

„Versuch da einzuwirken, dass hier kein Rettungswagen oder sonst wer mehr durchfährt! Nur mit Glück hatten wir vorhin keine Schwerverletzten.“

16:27 Uhr:

„Wir kriegen (…unverständlich) Verbindungsbeamten bei der Lopavent die Information, dass angeblich eine Weisung des Polizeiführers ergangen sein soll, die Eingangsbereiche im Westbereich wieder zu öffnen, weil der Druck auf der Düsseldorfer Straße zu groß wird. Wir möchten dagegen remonstrieren. Das Gelände ist so voll, die Karl-Lehr-Straße steht komplett voll bis aufs Veranstaltungsgelände mit extremen Druck. Wenn die Außensperren aufgehoben werden, wird der Druck hier noch größer. Ist eigentlich nicht zu verantworten aus unserer Sicht.“

Wie der Einsatzleiter der Polizei später erklärt, habe es sich hierbei um ein Missverständnis gehandelt. Der Polizeiführer habe nur eine Kette weiter in den Tunnel verlegen wollen. Die Sperren selbst sollten dich gehalten werden.

Drei Funksprüche von 16:28 Uhr:

„Karl-Lehr-Tunnel, mehrere Personen, die zusammengebrochen sind. Dort müsste ein Sani-Team kommen.“

„Wie viele Rettungswagen sollen da genau hin?“

„Also uns ist gesagt worden, da sind so Leute mit Kreislaufproblemen. Sani-Teams würden erstmal reichen.“

16:35 Uhr:

„Karl-Lehr-Straße im Tunnel zur Rampe kommt es zu lebensbedrohlichen Situationen auf Grund des Drucks, der von hinten kommt. Die Menschen werden da an die Mauer gepresst.“

Eine aussichtslose Situation

16:40 Uhr:

„Feuerwehr meldet panikartige Bewegungen am Aufgang zum Gelände. Es werden teilweise Menschen überrannt.“

Tausende Raver drängen sich am 24.07.2010 auf der Loveparade in und vor dem Tunnel in Duisburg (Quelle Erik Wiffers/dpa)

16:53 Uhr:

„Wir müssen unsere Kräfte jetzt abziehen und alles zur Rampe schmeißen, weil da Gefahr für Leib und Leben besteht.“

16:54 Uhr:

„Auf der kleinen Rampe brauchen wir jetzt mehrere Leute. Da sind schon teilweise Leute niedergetrampelt worden und kollabiert.“

16:58 Uhr:

„Wir benötigen am Stellwerkhäuschen Rettungssanitäter für 20 Personen, die nach Kreislaufproblemen behandelt werden müssen.“

17:03 Uhr: Mitschnitt aus der Notrufzentrale der Polizei. Der Polizeibeamte S. ruft seine Kollegen von seinem privaten Handy aus an:

„Wir haben hier eine tote Person. Direkt am Ausgang. Am Ausgang, am Eingang zur Loveparade. Am Eingang zur Loveparade. Eine tote Person, vielleicht auch zwei. Vielleicht auch zwei. Bitte, Notarzt. Wir brauchen Notarzt.“

Einordnung der Ereignisse

Das Makabere an der ganzen Situation ist, dass die Party während der ganzen Panik nicht aufhörte und die Musik weiter gespielt wurde.

Für insgesamt 21 Menschen kommt allerdings jegliche Hilfe zu spät. Sie werden zu Tode gequetscht und niedergetrampelt. Mehr als 500 Personen wurden mit Verletzungen behandelt.

Sieben Jahre nach der Tragödie von Duisburg wirkt die Chronologie der Funksprüche sehr umkoordiniert. Es fehlt eine klare Linie, jemand der das Kommando übernimmt und den Ernst der Lage frühzeitig erkannt hat. Aus vielen Funksprüchen lässt sich ablesen, dass weder die Securitykräfte noch die Polizei einen wirklichen Überblick über das Ausmaß der Katastrophe hatten.

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