„Ein Journalist ist immer nur so gut wie seine letzte Story“ – Gerd Heidemann und der Skandal um die Hitler-Tagebücher

Es ist der 25. April 1938. Die Journalisten der Illustrierten „Stern“ präsentieren auf einer Pressekonferenz eine Sensation. 60 Tagebücher von Adolf Hitler, welche höchst persönliche Einblicke und Details von dessen Leben preisgeben. Der Journalist Gerd Heidemann ist sich sicher, dass er eine Sensation entdeckt hat. Heidemann ist ein Topredakteur des „Stern“ und präsentiert der Weltöffentlichkeit stolz die geheimen Tagebücher des ehemaligen Diktators. Was zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand weiß: die Tagebücher sind eine Fälschung des Malers und Kunstfälschers Konrad Kujau.
Vor der Entdeckung der vermeintlichen Hitler-Tagebücher war Heidemann ein gefeierter Journalist und preisgekrönter Fotograf des „Stern“. Er war bekannt für seine brisanten Reportagen und seine akribischen Recherchen, die selbst hochrangige Politiker zu Fall bringen konnten. Er war außerdem Kriegsberichterstatter und lieferte Reportagen von unzähligen Kriegsschauplätzen, wie beispielsweise aus dem Angola, Biafra, Mozambique, Guinea-Bissau und aus dem Kongo.

Berichterstattung über Gerd Heidemann
Heute lebt der Journalist von Sozialhilfe und hat mehrere hunderttausend Euro Schulden. Nur mit seinen Fotos aus dem Archiv verdient er sich etwas dazu.
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Ich war das Bauernopfer.

Heidemann ist sich keiner Schuld bewusst.  Laut ihm war die Chefredaktion, ebenso wie der Verlag in die Recherche eingeweiht gewesen. Der Vorwurf an ihn: er habe auf eigene Faust gehandelt und die Sorgfaltspflicht, auf die im Journalismus sehr hohen Wert gelegt wird, vernachlässigt.
Dabei gab es bereits vor der groß angekündigten Veröffentlichung der Tagebücher erste Hinweise darauf, dass es sich bei ihnen um eine Fälschung handelt.
Hier eine Auflistung der ersten Indizien, sowie der finalen Beweise des Bundeskriminalamts, dass es sich bei den Hitler-Tagebüchern um eine Fälschung handelt.

Die Warnungen werden nicht ernst genommen und so kommt es zu der Veröffentlichung der sensationellen Funde im „Stern“. Der Verlag hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 6,7 Millionen Mark für die Beschaffung der Tagebücher ausgegeben.

Bis zwei Wochen später die Bombe platzt. Die Ergebnisse des Bundeskriminalamtes und des Bundesamtes für Materialprüfung liegen vor und beweisen eindeutig, dass die Tagebücher unmöglich aus der Zeit des zweiten Weltkriegs stammen können. Die Nachricht sorgt im ganzen Land für Aufregung.
Hier ein Ausschnitt aus den ZDF-Nachrichten vom 6.5.1983.

Die Zeitschrift „Stern“ erntet landesweit Gespött und verliert schlagartig Leser und Leserinnen. Erreichte das Magazin im ersten Quartal 1983 noch 1,655 Millionen Verkäufe, waren es zwei Jahre später nur noch 1,420 Millionen. 235.000 Käufer hatten der Zeitschrift den Rücken gekehrt.

Die Folgen werden rasch bemerkbar. Zwei Chefredakteure des Magazins treten zurück, Heidemann wird entlassen und später zusammen mit Konrad Kujau zu 4,5 Jahren Haft verurteilt. Heidemann wird vorgeworfen, von der Fälschung gewusst und Geld unterschlagen zu haben. Tonbandaufnahmen Heidemanns, wie er mit Kujau telefoniert und die seine Unschuld beweisen sollen, wurden vor Gericht nicht zugelassen.
Während Kujau nach seiner Entlassung ein Atelier eröffnet, in dem er original Kujau Fälschungen verkauft, erholt sich Gerd Heidemann nie wieder von dem Schlag. Er hat den Skandal mit dem womöglich wichtigsten Gut eines Journalisten bezahlt, nämlich seiner Glaubwürdigkeit.

Noch heute zählt der Vorfall zu den größten Skandalen in der Geschichte des deutschen Journalismus.

Der Skandal brachte es sogar so weit, dass ihm ein eigener Film gewidmet wurde. „Schtonk!“ heißt die satirische deutsche Filmkomödie von Helmut Dietl, welche im Jahr 1992 erschien.
Im folgenden Ausschnitt macht sich der Film über die läppischen Rechtfertigungsversuche der Redaktion für die Initialen auf den Tagebüchern lustig.

 

 

Um die Geschichte des Gerd Heidemann im Zusammenhang mit den Hitler-Tagebüchern in ihrer Ganzheit zu verstehen, sind in dieser Timeline die Schritte von der Entdeckung der Tagebücher, bis hin zu deren Veröffentlichung und Enttarnung aufgelistet. Denn es gab eine ganze Reihe von Ereignissen, die den Reporter dazu veranlasst haben, sich für diesen Weg zu entscheiden.



 

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