Superfoods, Paleo und Pulver: Gesunde und skurrile Ernährungstrends

In aller Munde: Der Trend rund um Superfoods, vegane Ernährung und Paleo-Diäten boomt. Dabei nehmen die Ernährungstrends zum Teil auch skurrile Formen an. Foto: Symbolbild (Google)

Der Trend der bewussten Ernährung: Viele Menschen beschäftigen sich intensiv mit der Frage, was sie zu sich nehmen sollen und was nicht. Die Folge sind teils skurrile Ernährungsformen.

Obst und Gemüse sind gesund, kein Zweifel. Aber schon an Milch- und Getreideprodukten scheiden sich die Geister – zumindest wenn es nach den Trends im Foodbereich geht. Der Tag der gesunden Ernährung am 7. März soll auf ausgewogenes Essen aufmerksam machen. Trends gibt es derzeit viele, doch welche sind dies und wie unterscheiden sie sich?

Clean Eating: Anhänger setzen auf unverarbeitete Lebensmittel, mit denen frisch gekocht wird. «Auf Getreide versuchen wir weitmöglichst zu verzichten. Und wenn, dann gibt es Vollkorn oder besser noch Quinoa als Alternative», heißt es auf der gleichnamigen Internetseite. Die Ansätze sprechen zumindest nicht gegen die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), wie DGE-Expertin Antje Gahl sagt. Bei verarbeiteten Lebensmitteln ist die DGE aber nicht so streng. Tiefkühl-Spinat etwa sei unbedenklich.

Paleo: Bei einer paleolithischen Ernährung kommt nur auf den Tisch, was es schon in der Steinzeit gab. Zucker, Nudeln, Reis, Kartoffeln und Brot sind tabu. In Berlin öffnete mit dem «Sauvage» einst das erste Paleo-Restaurant Deutschlands. Ernährungswissenschaftler betonen aber, unser Körper habe nicht mehr dieselben Bedürfnisse wie vor zwei Millionen Jahren.

Pulver: Inzwischen gibt es Pulver, das mit Wasser aufgegossen Nahrung ersetzen soll. Das Berliner Unternehmen nu3 brachte mit «Compleat» jüngst eine solche Raumfahrernahrung auf den Markt. Zuvor sorgte ein Software-Ingenieur in den USA mit einem Essensersatz namens «Soylent» für Schlagzeilen. «Man kann schon austüfteln, dass in Nahrungsersatz die wichtigsten Nährstoffe drin sind», sagt Ernährungswissenschaftler Guido Ritter von der Fachhochschule Münster. Eine dauerhafte Alternative sei das aber nicht.

Foto: Symbolbild (Google)

Frei von: Egal ob ohne Gluten oder ohne Laktose – DGE-Expertin Gahl beobachtet einen«Frei von»-Trend. Mittlerweile greifen ihr zufolge nicht nur Betroffene zu solchen Produkten. Der Verzicht ist eher ein Zeitgeistphänomen, denn von Laktoseintoleranz ist hierzulande nur etwa jeder Fünfte betroffen. Lediglich zwei bis drei Prozent der Deutschen vertragen laut DGE das Klebereiweiß Gluten nicht, das etwa in Weizen steckt.

Roh: Das heißt, kein Lebensmittel wird über 42 Grad erhitzt. In Berlin öffnete mit dem «Rawtastic» jüngst ein reines Rohkost-Restaurant, das sogar Pizza und Kuchen anbietet. Nur roh macht aber nicht froh: «Es gibt einige Lebensmittel, die roh Giftstoffe enthalten», sagt Ernährungsberaterin Gahl. Andere gäben bestimmte Nährstoffe wiederum nur erhitzt frei.

Foto: Jens Kalaene (dpa)

Vegan: Fleisch, Fisch, Honig, Eier, Milch – tierische Lebensmittel sind für Veganer tabu. Der Vegetarierbund Deutschland (Vebu) geht hierzulande von 900 000 Veganern aus. Das entspricht 1,1 Prozent der Bevölkerung. «Für einen gesunden Erwachsenen ist es durchaus machbar, sich vegan zu ernähren», sagt Gahl. Vitamin B12, das vor allem in tierischen Produkten vorkomme, müsse aber zugesetzt werden.

Superfood: Lebensmittel wie Chia-Samen, Goji- oder Açai-Beeren sollen einen besonders hohen Gehalt an gesundheitsfördernden Stoffen haben. Inzwischen gibt es eigene Lokale und Kochbücher mit solchen «Superfoods». «Sie können den Speiseplan sicherlich ergänzen und vervielfältigen», sagt die DGE-Expertin Gahl. «Aber man sollte sich keine Wunder davon erhoffen.» Auch heimische Produkte wie Paprika und Brombeeren könnten mit einem hohen Vitamingehalt aufwarten.

Einige besonders gesunde und nahrhafte Lebensmittel im Überblick:

Siegeszug der Superfoods? Der Ernährungstrend ist ein lukrativen Geschäft

Lange waren zucker- und fettreduzierte Produkte trendy in deutschen Supermarktregalen. Nun macht sich das «Superfood» in den Läden breit – und die Branche freut sich über rasant steigende Umsätze. «In Deutschland liegen die Wachstumsraten 2016 teilweise im dreistelligen Prozentbereich», berichtet Katharina Feuerstein, Expertin beim Düsseldorfer Marketing-Beratungsunternehmen IRI. Allein der Verkauf von Chia-Samen habe im vergangenen Jahr von 756 Tonnen auf 1925 Tonnen um über 150 Prozent zugelegt. Überzeugen die Superfoods aufgrund ihrer Qualität und Gesundheit allein, oder steckt geschicktes Marketing hinter dem Erfolg?

Noch deutlich stärker – allerdings in geringeren Mengen – sei die Nachfrage nach Kokos- und Mandelmehl oder grünem Matcha-Tee gestiegen. Der Absatz von Amaranth, der an Hirse erinnert, habe sich dagegen verdoppelt. Favoriten der Kunden seien derzeit etwa die Anden-Pflanze Quinoa oder die Chia-Samen, erklärt Feuerstein. Zu den Neuentdeckungen der Szene zähle auch die Frucht des afrikanischen Affenbrotbaums Baobab.

Unter dem Label «Superfood» boomen derzeit Lebensmittel mit angeblichen Gesundheitsvorteilen. Foto: Jens Kalaene (dpa)

Im vergangenen Jahr habe sich der Gesamtumsatz der von den Marktforschern erfassten Superfood-Artikel von 25 Millionen Euro auf 46 Millionen Euro nahezu verdoppelt, schätzt Feuerstein. «Meiner Einschätzung nach wird es auch 2017 ein starkes Wachstum geben», sagt sie.

Die größten Gewinner dabei seien die Discounter gewesen, die viele der Trend-Produkte mittlerweile in ihr Sortiment aufgenommen hätten. Angesichts eines Umsatzes von 138,7 Milliarden Euro in Deutschland im vergangenen Jahr mit Lebensmitteln, Getränken, Hygieneartikeln und Tiernahrung spielte das Geschäft mit Superfood allerdings nur eine bescheidene Nebenrolle.

Superfood werde vor allem von Frauen gekauft, berichtet Achim Spiller, Professor für Lebensmittelmarketing an der Uni Göttingen. «Ich glaube nicht, dass der Trend seinen Höhepunkt überschritten hat», sagt er. Allerdings würden die Zyklen bei den Ernährungstrends derzeit immer kürzer. So gehöre der «Light»-Trend mit beispielsweise fett- oder zuckerreduzierten Produkten bereits wieder der Vergangenheit an.

Aldi springt auf den Zug auf: Chia und Co. werden ins Sortiment aufgenommen. Foto: Aldi Nord Prospekt

Eine Zielgruppe mit höherem Einkommen mache die Produkte vor allem für die Discounter interessant, sagt Martin Fassnacht, Marketingexperte von der privaten Wirtschaftshochschule WHU. «Aldi hat dann was cooles Neues», so Fassnacht. Wer einmal im Laden sei, könne dort dann auch gleich den ganzen Einkauf erledigen.

«Superfood hat seinen Höhepunkt schon überschritten, wenn es bei Aldi auftaucht», meint dagegen Angela Clausen, Ernährungswissenschaftlerin von der Verbraucherzentale NRW. «Supertolle» Inhaltsstoffe könnten Verbraucher auch in heimischen Produkten wie Beeren, frischen Kräutern oder Kohl finden. Zu dem exotischen Superfood werde dagegen meist eine ganz tolle Geschichte gleich mit dazu geliefert.

Das Potenzial der Superfoods für die Wirtschaft lässt sich anhand der Gegenüberstellung des Absatzes in 2015 und 2016 verdeutlichen. Wie die Tabelle zeigt, steigt der Absatz aller aufgeführten Superfoods von einem auf das andere Jahr massiv an:

Mit vegetarisch allein nicht genug: Die verschiedenen Varianten des Trends im Überblick

Manche Menschen verzichten auf Fleisch, andere essen nur Ungekochtes oder schwören auf Fallobst. Zahlen und Fakten zur Vielfalt an Tisch und Teller:

Vegetarier: Lehnen Fleischverzehr aus ethischen Gründen ab. Sie sind gegen das Töten und die nicht artgerechte Haltung von Tieren. Andere essen aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen kein Fleisch.

Ovo-Lakto-Vegetarier: Essen weder Fisch noch Fleisch, lehnen aber Produkte von lebenden Tieren wie Milch und Honig nicht ab.

Lakto-Vegetarier: Verzichten auf Fleisch, Fisch und auch Eier.

Ovo-Vegetarier: Meiden Fleisch, Fisch sowie Milch- und Milchprodukte.

Pescetarier: Essen kein Fleisch, aber Fisch.

Veganer: Leben ohne tierische Produkte. Das gilt nicht nur für die Ernährung. Sie verzichten beispielsweise auch auf Leder und Wolle.

Rohköstler: Verzehren möglichst naturbelassene Lebensmittel, die kaum erhitzt werden.

Frutarier: Wollen, dass Pflanzen nicht oder möglichst wenig geschädigt werden. Sie essen vor allem Fallobst und Nüsse.

Flexitarier: Sind Gelegenheitsvegetarier, die Wert auf gesundes Essen legen, Fleisch oder Fisch aber nicht kontinuierlich meiden.

Übersicht über die Hauptarten vegetarischer Ernährung. Grafik: dpa

Zurück zur intuitiven Ernährung? Expertin rät: Hören Sie auf ihr Bauchgefühl!

Maike Ehrlichmann ist Ernährungswissenschaftlerin, Autorin und Coach.  Foto: Ehrlichmanns Xing-Profil

Glutenfrei, rohvegan, Paleo oder doch besser Low-Carb? Die Frage nach der optimalen Ernährung treibt viele um. Mit negativen Folgen, wie eine Ernährungswissenschaftlerin beobachtet hat.

Diäten und Ernährungsvorgaben setzen Menschen einer Ökotrophologin zufolge unter Druck und begünstigen ungesundes Essverhalten. Zunehmend setze sich in der Wissenschaft die Erkenntnis durch, dass es die eine gesunde Ernährung gar nicht gibt, sagte die Hamburger Ernährungswissenschaftlerin Maike Ehrlichmann der Deutschen Presse-Agentur.

Was ist für Sie gesunde Ernährung?

Für mich steht im Zentrum, dass unser Körper über ein funktionierendes System verfügt, das darüber bestimmt, wann wir welches Essen brauchen. Das funktioniert intuitiv bei Kindern und in der Natur. Auch wer mal länger krank war, weiß danach genau, worauf er Appetit hat. Das ist in den seltensten Fällen Curry-Wurst.

Warum greift man im Alltag dann doch dazu?

Auf die inneren Signale zu hören, müssen viele erst wieder lernen. Das System ist gestört: zum Beispiel durch Stress, Werbung und Zusätze wie Süßstoffe, Aromen und Glutamat. Auch durch Essregeln wie «Kein Brot zum Abendessen». Stattdessen gibt es dann später drei  Magnum auf dem Sofa. Es herrscht eine maßlose Verwirrung, welche Ernährung gut ist – warum hieß es vor zehn Jahren fettarm, warum jetzt Low-Carb? Die Leute sind überfüllt von Vorschlägen und machen am Ende gar nichts. Wegen überhöhter Vorstellungen halten sich viele Leute für undiszipliniert und sind frustriert. Dabei müsste man nur die Störfaktoren beseitigen.

Sie geben Ihren Klienten keine Mengen vor?

Nein. Wir brauchen viel individuellere Wege. Auch Professoren sagen inzwischen: Vergessen Sie die Kalorien. Ich habe beobachtet: Wer selbst bestimmt über sein Essen, isst total anders und lernt wieder, auf sich zu hören. Wichtig ist auch, nicht immer von Gesundheit zu sprechen. Das löst sofort Druck und oft Ablehnung aus. Für viele ist Aussehen eine viel größere Motivation.

Heißt ihr Buch deshalb «Ehrlich essen macht schön»?

Ja, wobei wir Schönheit neu definiert haben, auf Zellebene. Nur gut versorgte gesunde Zellen sind schön und strahlen das auch aus. Die meisten unserer Rezepte sind auch herzschützend und krebsvorbeugend. Aber wir sagen «schön», weil damit bisher die Regel verbunden war: Iss so wenig wie möglich. Wir dagegen finden es okay, Kartoffeln zu essen. Wir raten für den Anfang zu zehn ganz normalen Lebensmitteln, mit denen man kochen kann, ohne viel nachdenken zu müssen. Anstatt sich mit Chia-Samen oder anderen abstrusen Lebensmitteln zu beschäftigen. Das bringt eine enorme Erleichterung.

Weiterführende Informationen rund um das Thema Ernährung finden Sie auch auf Maike Ehrlichmanns Blog sowie ihrem Facebook-Profil.

Ernährungsexpertin Ehrlichmann setzt auf ausgewogene und intuitive Ernährung, die von Trends unbeeinflusst bleibt. Foto: Facebook-Profil von Ehrlichmann

Kommentar hinterlassen zu "Superfoods, Paleo und Pulver: Gesunde und skurrile Ernährungstrends"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*