Syriens Kinder: Was der Krieg mit ihnen macht

Der dreijährige Saeed steht am 19.02.2017 in einer verlassenen Tankstelle in Tel Abiad, Syrien. Die zerstörte Tankstelle ist mittlerweile das Zuhause von fünf Familien die vor zwei Jahren vor der Terrormiliz IS flohen und bei ihrer Rückkehr ihre Häuser zerstört vorfanden. Foto: Save the children/dpa (c) dpa - Bildfunk

Im syrischen Bürgerkrieg leiden die Kinder nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Schwere seelische Probleme lassen sie drogenabhängig werden oder sie ziehen selbst in den Kampf. Viele wissen überhaupt nicht wie sich Frieden anfühlt, sondern sie wachsen auf in ständiger Angst vor Angriffen. Eine neue Studie zeigt was mit Kindern unter solchen Bedingungen psychisch geschieht.

Von Benno Schwinghammer, dpa

Was macht der Krieg mit Kindern, die gar nicht wissen, wie sich Frieden anfühlt? Im Norden Syriens sitzen Fünf- bis Siebenjährige zusammen, die über ihre Ängste reden sollen. Durch einen Windstoß fällt eine Tür zu. «Die anwesenden Kinder schrien vor Angst, da sie glaubten, eine Bombe sei explodiert», steht in einer neuen Studie der Hilfsorganisation Save the Children. Es ist nur eines von vielen Beispielen, das eindrücklich zeigt, wie tief die «Unsichtbaren Wunden» in den Köpfen der syrischen Kinder sind.

Mitte März sind sechs Jahre vergangenen, seitdem der Bürgerkrieg in Syrien begann. Was als zivilgesellschaftlicher Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad begann, führte zu blutigen Kämpfen, dem Bombenhagel über Wohngebieten, Exekution von Vätern, Vergewaltigungen von Müttern und Töchtern. Syrien – einst Reiseland voller Kultur – steht nur noch für den aktuell wohl verheerendsten Konflikt der Welt. Mehr als 400 000 Menschen starben, Millionen flüchteten oder sind von Gewalt, Hunger und Krankheiten bedroht.

Das Leid der syrischen Bevölkerung ist bedrückend, selbst wenn man es nur am Fernseher oder in den Zeitungen verfolgt. Save the Children hat nun nach eigenen Angaben die umfassendste Studie zur psychischen Entwicklung der syrischen Kinder durchgeführt. 450 Minderjährige und Erwachsene wurden dafür befragt. Der Report lässt das Trauma erahnen, mit dem eine ganze Generation ihr Leben lang kämpfen wird.

84 Prozent der befragten Erwachsenen und fast alle Kinder sagten aus, dass die Bombardierungen die Hauptursache für den psychischen Stress der Kinder seien. Vier von fünf gaben an, das Kinder zunehmend aggressiv geworden seien. Die Hälfte der Jugendlichen nimmt demnach Drogen. Jeder zweite Erwachsene beobachtete, dass Kinder seit Kriegsbeginn die Fähigkeit zum Sprechen verloren oder Sprachstörungen entwickelt hätten. Jedes vierte Kind hat nach eigener Aussage niemanden, mit dem es reden kann, wenn es traurig ist.

«Manche Kinder wie mein Bruder fallen durch jede Prüfung, denn sie haben alles vergessen, was sie einmal gelernt hatten. Wenn man ihn fragt, was 1 x 2 oder 1 + 1 ist, dann weiß er es nicht. Viele Kinder können sich nicht mal mehr an das Alphabet erinnern, sie haben alles vergessen», erzählt die elfjährige Sainab aus dem Nordostsyrischen Hasaka. Sie und ihr Bruder können zumindest noch zur Schule gehen. Viele Lehreinrichtungen in Syrien wurden zerstört oder mussten schließen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef berichtet im Oktober von insgesamt mehr als 4000 Angriffen auf Schulen seit 2011.

Die dauerhafte Ausschüttung von Stresshormonen kann nach Angaben der Expertin für Kinderschutz und mentale Gesundheit an der Universität Harvard, Alexandra Chen, langfristige Folgen haben. Nervenverbindungen im Gehirn könnten reduziert, die Leistungsfähigkeit des Kindes beeinträchtigt werden. Auch das Risiko für Herzkrankheiten, Alkohol- und Drohenmissbrauch oder psychische Störungen bis ins Erwachsenenalter hinein steige.

Schulen sind in Syrien schon lange kein Ort der Sicherheit mehr. Doch sie sind der Studie zufolge wichtig, um Kindern Stabilität und Routine zu geben. Diese ist bei vielen Minderjährigen längst Vergangenheit: «Ich sehe Kinder unter 15 Jahren, die sich bewaffneten
Gruppen angeschlossen haben, mit Gewehren an Checkpoints
stehen», erzählt eine Entwicklungshelferin aus der Provinz Idlib.

Die Kinder Syriens könnten zu einer verlorenen Generation werden. Ihre Wunden werden nicht mit dem Ende des Konflikts heilen. Ihr Mangel an Bildung wird zu schweren wirtschaftlichen Schäden führen. Doch nach Ansicht der Studie ist es noch nicht zu spät, die Kinder zu retten: Die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung müsse genauso enden wie das Rekrutieren von Minderjährigen als Soldaten.

Dann könne auch schwer traumatisierten Waisen wie Marwan geholfen werden. Der kleine Junge habe bei der Befragung drei Mal geschrien: «Ich hasse dieses Flugzeug, denn es hat meinen Vater getötet.»

Quelle: DPA

Kommentar hinterlassen zu "Syriens Kinder: Was der Krieg mit ihnen macht"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*