Oscar-Panne: Wie reagiert das Publikum auf überraschende Wendungen in Live-Shows?

Trubel bei den Oscars 2017: die falsche Bekanntgabe des Gewinners sorgt für Aufsehen beim Publikum. Jordan Horowitz (links) und Warren Beatty (rechts) korrigieren den Fehler. Foto: Chris Pizzello/Invision/AP/dpa

Es war eines der Gesprächsthemen der Woche: die OscarPanne. Fehler bei Live-Shows passieren immer wieder. Wovon es abhängt, wie groß Schadenfreude und Spott oder gar Häme und Wut beim Publikum sind.

Ausgerechnet bei der letzten und wichtigsten Kategorie passierte diesmal bei der Oscar-Verleihung der beispiellose Fehler: Die legendären Hollywoodstars Warren Beatty und Faye Dunaway verkündeten den falschen Gewinner als besten Film. Es ist wohl der GAU – der größte anzunehmende Unfall – für die Organisatoren der Gala. Immer wieder sorgen solche unerwarteten Wendungen bei großen Live-Shows für Chaos. Manchmal entladen sich Spott und Wut dann über einem vermeintlich Schuldigen.

Bei den Oscars hatte nicht «La La Land» gewonnen, sondern «Moonlight». Als sich der Irrtum aufklärte, guckte die versammelte Hollywood-Prominenz irritiert, amüsiert und entsetzt zugleich. Auch in den sozialen Medien kommentierten Prominente das Geschehen: so äußerte sich Michael Moore scherzhaft auf Twitter, dass bei der Wahl Trumps zum Präsidenten ein ähnlicher Fehler unterlaufen sein müsse:


«Das war so irre», sagte die «Toni Erdmann»-Regisseurin Maren Ade in der «Zeit». «Die Fassungslosigkeit der Leute. Die Panne im dramaturgisch richtigen Augenblick bei der letzten Oscar-Kategorie.» Der Vorfall durchbrach für einen Augenblick die Perfektion der Oscar-Inszenierung. Beatty und Dunaway wurden tragische Helden.

«Ist uns jemand sympathisch, können wir uns mit ihm und seiner Situation identifizieren», sagt dazu der Kommunikationsexperte Christian Scherg. Seine Firma berät Prominente und Unternehmen bei Kritik und Angriffen im Internet, den berüchtigten Shitstorms. «Im Fall von Warren Beatty bei der Oscar-Verleihung wirkte dieser selber sichtbar verwirrt über das, was er auf dem Zettel las», sagt Scherg. Der Zuschauer werde Zeuge dieses Ringens zwischen der Wahrung der Form und dem Wissen, dass etwas nicht stimme.

Andere Stars und Promis traf es nach ähnlichen Pannen schon deutlich heftiger. Der Vorfall erinnert etwa an die Miss-Universe-Wahl Ende 2015. Damals hatte der amerikanische Moderator und Entertainer Steve Harvey zunächst die Kolumbianerin Ariadna Gutiérrez zur Siegerin gekürt. Gewonnen hatte aber Miss Philippinen, Pia Wurtzbach. Der Moderator erhielt trotz einer Entschuldigung sogar Todesdrohungen.

Auch deutsche Prominente haben mit verpatzten Auftritten schon Show-Abläufe durcheinandergebracht – über einige ergoss sich Wut. Im März 2015 etwa traf es den eigentlichen Sieger des Eurovision-Song-Contest-Vorentscheids, Andreas Kümmert. Die Fernsehzuschauer hatten ihn damals zum deutschen Vertreter für das Grand-Prix-Finale in Wien gekürt. Doch der damals 28-Jährige lehnte noch während der Sendung ab, weil er nicht in der Verfassung sei. Das Publikum buhte, das Netz tobte.

«Hier ist das Problem etwas anders gelagert», sagt Christian Stöcker. Der Psychologe leitet den Studiengang Digitale Kommunikation an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften. «Die Leute waren hier viel stärker involviert. Schließlich haben sie Geld dafür ausgegeben, um ihre Stimme für den jungen Mann abzugeben.» Durch die Absage hätten sich viele vor den Kopf gestoßen gefühlt.

Empfindlich scheinen die Deutschen auch bei feierlichen Anlässen zu sein. Das bekam Sarah Connor mit ihrer Textunsicherheit bei der deutschen Nationalhymne zu spüren. «Brüh‘ im Lichte…», schmetterte die Sängerin bei einem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft im Jahr 2005. Dabei lautet die Textstelle eigentlich «Blüh‘ im Glanze…». Spott und Häme waren groß, auch wenn die sozialen Medien damals noch nicht über so viel Reichweite verfügten wie heute.

Bei Diskuswerfer Christoph Harting schlug die Stimmung im Internet sogar um in Wut. Nach seinem Goldmedaillensieg bei den Olympischen Spielen 2016 schunkelte er zur Hymne und alberte herum. Arroganz und Respektlosigkeit waren noch die harmlosesten Vorwürfe.

«Diese Veranstaltungen sind mit so viel Pathos aufgeladen, dass es bei vielen Menschen ein nahezu religiöses Feierlichkeitsbedürfnis gibt», sagt Stöcker. «Deshalb reagieren sie häufig besonders sensibel auf vermeintliche Regelbrüche in solchen Situationen.»

Doch ein Fauxpas auf großer Bühne muss nicht immer schlecht sein. «Jede Krise ist auch eine Chance, Profil jenseits der künstlichen und professionell durchinszenierten medialen Welt zu zeigen», sagt der Promi- und Unternehmensberater Scherg. Dann komme es aber darauf an, wie souverän und glaubwürdig die Stars reagierten: «Für Bekanntheit reicht Quote – für Beliebtheit braucht es Charakter.»

Von Matthias Arnold, dpa

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