Wird das Extrem bald das neue Normal?

Gänseblümchen im Dezember: Winter in Deutschland wird immer milder. © Frank Rumpenhorst

Frühling im Winter: 2015 war das zweitwärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Nach Angaben des Hamburger Instituts für Wetter- und Klimakommunikation lag die Temperatur im Jahresmittel etwa 1,8 Grad über den Normalwerten.

Während die Regierungschefs auf den Klimagipfeln der vergangenen Jahre über immer neue Klimaverträge und Temperaturziele debattiert haben, hat sich Deutschland langsam aber stetig erwärmt. Der warme November ist eines von vielen Extremen: Da wären Rekordsommer, Hitzewellen und immer wieder extrem kalte Winter. Doch sagen solche Temperatur-Ausreißer wirklich etwas über die globale Erwärmung aus?

Neun der zwölf wärmsten Monate seit 1881 fallen in den Zeitraum von 2001 bis 2015. Die kältesten Monate liegen dagegen alle vor 1941. Weil Wissenschaftler von der globalen Erwärmung wissen, sind sie sicher, dass auch die Erwärmung in Deutschland mit dem weltweiten Klimawandel zusammenhängt. „Es ist sicherlich kein Zufall, dass 2014 in Deutschland das bisher wärmste Jahr seit 1881 war“, sagt der Meteorologe Florian Imbery, der für den Deutschen Wetterdienst das Klima überwacht.

Die Folgen des Klimawandels werden sich künftig verstärkt bemerkbar machen. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird die Gefahr von Hochwassern oder Hitzewellen zunehmen. Damit wird das Schadenspotenzial des Klimawandels für Natur, Gesellschaft und Wirtschaft steigen. Das ist das Ergebnis der so genannten Vulnerabilitätsanalyse – einer umfassenden und deutschlandweiten Studie zur Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel. Sie bildet die Grundlage für Vorsorge-Maßnahmen der Bundesregierung und dient dazu, die Deutsche Strategie zur Anpassung an den Klimawandel weiterzuentwickeln. Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA): „Die Ergebnisse zeigen, was uns verletzlich macht, worauf wir uns vorbereiten müssen, welche Regionen besonders betroffen sein werden. Wir müssen zukünftig noch mehr als bisher mit häufigeren Hitzewellen, Starkregen und Hochwasser rechnen.

Gleichzeitig wird der Klimawandel in der Zukunft auf andere sozioökonomische Bedingungen als heute treffen. In der Vulnerabilitätsanalyse wurden erstmals für Deutschland auch sozioökonomische Szenarien wie Veränderung der Landnutzung, ökonomische und demographische Entwicklung betrachtet.“ In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wird es voraussichtlich häufiger zu Frühjahrs- und Sommertrockenheit kommen. Dies wird die Auswahl der Nutzpflanzen und die Erträge in der Land- und Forstwirtschaft beeinflussen. Gleichzeitig kann die deutsche Landwirtschaft durch eine längere Vegetationsperiode durchaus auch vom Klimawandel profitieren, beispielsweise durch den Anbau von wärmeliebenden Kulturpflanzen wie die Sojabohne oder die Sorghum-Hirse.

Das ausgetrocknete Flussbett der Elbe bei Pirna © Arno Burgi/dpa

Das ausgetrocknete Flussbett der Elbe bei Pirna © Arno Burgi/dpa

Klar ist, dass die Debatte über den Umbau des hiesigen Energiesystems weiter an Fahrt gewinnen wird. Vor allem geht es um die Frage, wie lange Deutschland noch an der klimaschädlichen Kohleverstromung festhalten will. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) fordert einen systematischen, sozial verträglichen Ausstieg innerhalb von 20 bis 25 Jahren. Ihr Parteichef, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, mag bisher nicht so recht auf das Thema einsteigen. Deshalb versuchen nun andere, die Diskussion um den Kohle-Ausstieg voranzutreiben: Die Berliner Denkfabrik Agora Energiewende legte ein detailliertes Konzept für einen Rückzug aus der Kohleverstromung bis 2040 vor. „Wir schlagen der Bundesregierung vor, zeitnah einen Runden Tisch Nationaler Kohlekonsens einzuberufen“, sagte Agora-Chef Patrick Graichen. Das Gremium solle bereits in diesem Jahr „ausgewogene und faire Kernelemente“ für den Kohle-Ausstieg aushandeln und so die Grundlage für eine gesellschaftlich breit getragene Vereinbarung schaffen. „Diese Vereinbarung sollte – analog zum Atomkonsens – in ein Kohleausstiegs-Gesetz münden, das mit breiter Mehrheit von Bundestag und Bundesrat beschlossen wird.“

Von Lara Malberger, Julian Stahnke, Paul Blickle, Ellena Nachbar und Sascha Venohr, ZEIT Online; Thorsten Knuf, Berliner Zeitung; epd; Deutscher Wetterdienst

 

Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur