WolframAlpha angetestet: Die neue Tiefe des Webs

Neue Suchmaschine: WolframAlpha

Neue Suchmaschine: WolframAlpha

In wenigen Tagen startet ein neues Internetangebot, das dem Wissen über unsere Welt eine neue Tiefe gibt. „WolframAlpha“ verknüpft Tonnen von statistischen Daten mit einer einfachen Abfragemöglichkeit im Stile von Google. Ich konnte einen ersten Blick auf die Maschine werfen und eigene Abfragen unterbringen.

WolframAlpha ist derzeit unter der Adresse www.wolframalpha.com noch nicht funktionstüchtig. In einem sogenannten Webinar, einer per Internet übertragenen Livedemonstration samt Rückfragemöglichkeit seitens der teilnehmenden Journalisten, konnten wir jedoch schon einen Blick auf die Maschine werfen. In einer schlichten Eingabezeile lassen sich dort allerlei Datenbanken abfragen, Ergebnisse miteinander verknüpfen und in tabellarischer ebenso wie grafischer Ansicht anzeigen lassen. Beispiele:

  • „france fish production“ zeigt tabellarisch Daten und mit einer Kurvengrafik den Verlauf der französischen Fischproduktion der vergangenen Jahre
  • „MSFT Sun“, also das Börsenkürzel von Microsoft und der Name des Unternehmens Sun, holt eine Tabelle mit den wichtigsten Daten über Umsatz, Gewinn, Mitarbeiterzahl und noch einiger Daten mehr über die beiden Unternehmen aus der Datenbank und setzt sie im Vergleich zueinander
  • „a_ _a_n“ findet für ein Kreuzworträtsel passend Wörter, die exakt in das Schema passen (allerdings nur auf Englisch)
  • „6000 words“ veranschaulicht die Zahl von 6000 Wörtern mit unterschiedlichen Abschätzungen darüber, wie viel das eigentlich ist: ausgedruckt etwa zwölf Seiten oder im Maschineschreiben durchschnittlich 100 Minuten Aufwand
  • „weather in princeton NJ when kurt godel died“ holt Details über die Wetterlage in Princeton im US-Bundesstaat New Jersey für jenen Tag auf den Schirm, als Kurt Godel starb: 30° Fahrenheit, 88 Prozent Luftfeuchtigkeit.
  • „5th largest country in Europe“ zeigt das fünftgrößte Land in Europa an, Deutschland
  • „gdp vs. Population for europe“ zeigt das Bruttosozialprodukt europäischer Länder in Relation zur jeweiligen Größe des Landes
  • „next solar eclipse Chicago“ nennt auf die Stunden genau den Zeitpunkt der nächsten Sonnenfinsternis für Chicago
  • „67 x 89“ nennt nicht nur das Ergebnis 5963, sondern veranschaulicht das Berechnen auch durch eine Zifferntabelle, wie man sie beim Berechnen von Hand benutzen würde.

Die Beispiele ließen sich endlos fortführen.

Versagt hat die Maschine allerdings auch: etwa bei unserer Abfrage nach den Besucherzahlen zur Weltausstellung 2000 in Deutschland – da konnte Unternehmensgründer Stephen Wolfram nur mit der allgemeineren Zahl der mit dem Flugzeug eingereisten Touristen fürs Jahr 2007 einen Wert liefern (69,6 Millionen Menschen); das war nicht das, wonach wir gesucht hatten. Auch bei manchen anderen Abfragen musste WolframAlpha passen, zum Beispiel bei der Frage nach dem derzeitigen Standort eines US-Atom-U-Boots. Dennoch hat die neue Statistiksuchmaschine das Zeug zum nächsten großen Ding im Web. Die Idee erinnert an die Suchmaschine Wefind, die von Berlin aus auf ähnliche Weise Datenbanken anzapft und auswirft (und an der die Verlagsgruppe Madsack, die mein Arbeitgeber herausgibt, beteiligt ist).

10.000 Rechnereinheiten bedienen

Wie Wolfram erläuterte, soll das Angebot in weniger als zwei Wochen starten, dafür seien „10 000 CPUs“ (Rechnereinheiten) zu installieren – eine Größenordnung, die an die großen Abfragedienste Google und Wikipedia erinnert. Stephen Wolfram ist dabei allerdings keiner der üblichen Startupunternehmer: Sein für PCs erhältliches Programm „Mathematica“ gilt weltweit als Standard für die Auswertung statistischer Daten. Der Brite hat sich als Physiker und Mathematiker einen Namen gemacht – nicht als Geschäftsmann. Nebenbei lassen sich über die geplante Website auch mathematische Fragen lösen.

Ob WolframAlpha so durch seine bestechend erscheinende neue Technik auch kommerziell ein Erfolg wird, steht auf einem anderen Blatt. Er sei „mit den auf der Hand liegenden Partnern“ in aktiven Gesprächen, außerdem mit manchen Partnern, „die nicht so offensichtlich sind“. Der Großteil des Angebots werde kostenlos sein, zur Refinanzierung seien eine kostenpflichtige Profiversion und Werbemöglichkeiten geplant. In der Profiversion lassen sich beispielsweise die ausgespuckten Grafiken als weiterverarbeitbares PDF-Dokument herunterladen – um sie etwa in Unternehmensbroschüren oder Medien zu verwenden.

Zudem will Wolfram eine kostenpflichtige Schnittstelle für Unternehmenskunden anbieten, die auf das Datenbankwissen von WolframAlpha zurückgreift und das Vorgefundene mit eigenen Daten verknüpft. Interessant könnte so etwas beispielsweise für Versicherungen sein, die manche exotischen Erhebungen zusammenstellen, um Versicherungskosten festzulegen – etwa die jährliche Anzahl der Blitzeinschläge an einem bestimmten Standort in Relation zum dortigen Durchschnittseinkommen von Hausbesitzern.

Logisches Denken, Argumente, Schlussfolgerungen

„Ich glaube, dass WolframAlpha sogar Spezialisten neue Entdeckungen bescheren könnte“, sagt Nova Spivack, Chef des Internetportals Twine.com, das etwas Ähnliches versucht hat. Gegenüber dem „Spiegel“ sagte Spivack, WolframAlpha werde die kollektive Intelligenz des Netzes deutlich erhöhen. Als „Google“-„Killer“ will er WolframAlpha nicht verstanden wissen: „Google versorgt die Welt mit Gedächtnis, WolframAlpha wird die Welt mit logischem Denken, Argumenten und Schlussfolgerungen versorgen“.

Google hat just letzte Woche einen Grafikdienst in seine Suchmaschine eingebaut, der öffentlich zugängliche USDaten veranschaulicht (und von Deutschland aus nur versteckt über die erweiterte Google-Suche zugänglich wird). Laut Produktmanager Ola Rosling ist das Angebot „erst der Anfang“. Das zugrundeliegende Wissen hatte Google bereits vor zwei Jahren mit dem Kauf der Firma Trendalyzer erworben.

(Update: Mittlerweile konnte ich die Maschine ausführlicher testen und weitere Beispiele für Suchanfragen zusammenstellen.)

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