Das Google-Elixier: Jeff Jarvis über die Linkökonomie

Jeff Jarvis: "Was würde Google tun?"

Jeff Jarvis: "Was würde Google tun?"

Ein „Zeitalter der Vergebung“ sehen Internet-Vordenker wie Jeff Jarvis durch die wachsende Abrufbarkeit persönlicher Informationen durch die Internet-Suchmaschine Google kommen. In seinem Buch „Was würde Google tun?“ beschreibt der Amerikaner eine neue Welt der Linkökonomie.

Zu Dell-Computern hat Jeff Jarvis ein ganz besonderes Verhältnis. Ein Laptop des US-amerikanischen Herstellers entpuppte sich als fehleranfälliges Montagsgerät, und trotz vieler Versuche bekam der amerikanische Medienexperte keinen guten Service. Seine schlechten Erfahrungen beschrieb Jarvis in seinem Blog im Internet – und bekam daraufhin so großen Zuspruch von anderen Internetbenutzern, dass daraus eine ungeplante, ungezügelte Kampagne wurde. Die Folge: Am Ende nahm Dell seinen Service von Grund auf in Angriff.

In seinem bereits auf Englisch erschienenen und viel beachteten Buch „Was würde Google tun?“, das in den nächsten Tagen auf Deutsch erscheint, beschreibt Jarvis ausführlich, wie schädlich es anfangs für Dell war, die Blogger zu missachten – denn nicht nur Internetkenner bekamen die Kritik mit, sondern auch zahllose Bekannte dieser Internetexperten, Suchmaschinen, die Medien – und letztlich auch der Dell-Service selbst. „Dell lernte mühsam, wie die Kundschaft über das Unternehmen sprach“, berichtet Jarvis. Darauf einzugehen, wenn auch spät, entpuppte sich als Dreh- und Angelpunkt der in Rage geratenen Internet-Öffentlichkeit – weil sich auch das geänderte Verhalten schnell herumsprach. „Öffentlichkeit ist eine Tugend. Je öffentlicher Sie sind, desto einfacher sind Sie zu finden. Ihre Kunden sind Ihre Werbeagentur.“ Es gilt, auf die Kundschaft einzugehen, aber anders als bisher: öffentlich.

Die Mühe vermeiden, über die Homepage zu gehen

Das „Google-Elixier“ nennt Jarvis diese Methode, die eigene Kundschaft über eigene Webseiten in Foren und interaktiven Medien direkt anzusprechen – durchaus über Unterseiten auf „dell.com“, aber noch viel wichtiger durch die Erreichbarkeit dieser Seiten über die Google-Suchmaschine. Immer mehr Menschen vermeiden die kleine Mühe, sich die Webseite des Herstellers direkt herauszusuchen. Stattdessen googeln sie.

Was für Firmen gilt, greift auch bei Privatpersonen immer mehr um sich. Laut Statistik der Marketingfirma Alloy nutzen in den USA 96 Prozent der jungen Leute soziale Netze aller Art. Die Kehrseite: „Es gibt keine Privatsphäre, finden Sie sich damit ab“, sagt Vinton Cerf, einer der Begründer der Internet-Revolution und seit Kurzem einer der Verantwortlichen bei Google. „Unsere Fehler, jugendliche Irrtümer und Unbesonnenheiten werden öffentlicher und dauerhafter sein und uns bis an unser Lebensende verfolgen, denn dank Google hat die Welt ein besseres Gedächtnis.“ David Weinberger hat das so formuliert: „Ein Zeitalter der Transparenz muss ein Zeitalter des Vergebens sein.“ US-Präsident Barack Obama habe das vorgemacht, als er öffentlich bekannte, früher Marihuana geraucht zu haben. „Das Entscheidende ist nicht Privatsphäre, sondern Kontrolle über unsere persönlichen Informationen“, sagt Jarvis.

So hat auch Jarvis selbst Informationen über sein Herzleiden preisgegeben, wie bereits Google-Chef Sergej Brin über seine genetisch bedingte erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Parkinson zu erkranken – mit der Folge, dass andere Tipps zum Umgang mit der Krankheit gaben. „Öffentlichkeit ist ein gemeinsames Gut. Die Weisheit der Masse gehört der Masse“, sagt Jarvis. Das Teilen und gegenseitige Mitteilen von Informationen ist sein Kerngedanke: Wenn von zwei Leuten jeder für sich eine gute Idee hat, steigt der Erkenntnisgewinn durchs Teilen: Dann haben plötzlich beide, jeder für sich, zwei gute Ideen. Für Jarvis ist das die „Generation G“ wie Google, die von der Öffentlichkeit Besitz ergreift.

Über die Linkökonomie

Über den neuen Star unter den sozialen Netzwerken, Twitter, entsteht zudem eine Linkökonomie, eine bei allen banalen Statusmeldungen beachtliche Ansammlung „wertvoller“ Links, also Querverweise auf lesenswerte Artikel und Beiträge anderer. „Das Internet macht uns nicht kreativer. Doch es bietet die Möglichkeit, dass das, was wir schaffen, gesehen, gehört und genutzt wird. Es gibt jedem Schaffenden die Chance, ein Publikum zu finden, das Publikum, das er oder sie verdient. Dadurch finden wir nicht nur, was uns gefällt, wir finden auch Menschen, denen gefällt, was wir tun.“

Was den großen Netzwerken aus Übersee wie Facebook, Myspace und LinkedIn sowie aus Deutschland Xing bei allen Erfolgsmeldungen über ihre rasant steigenden Nutzerzahlen fehlt, ist freilich der große Erfolg und die Verbreitung im Sublokalen. Doch der Anfang ist gemacht. Jarvis nennt Beispiele aus den USA, aber es gibt sie auch hierzulande: Da existiert etwa nahe Anglerteichen bei Ingeln-Oesselse südlich von Hannover ein abschüssiger Radweg, der beim Geradeausfahren direkt auf die offene Brummispur der Autobahn 7 führt. „Eine vorhandene Schranke wird niemals geschlossen“, beklagt ein Teilnehmer des Netzwerkes MyHeimat.de, Gerd Zimmermann. Solch eine Miniinformation interessiert zunächst kaum jemanden, der nicht in der Gegend unterwegs ist. Gestern früh hatte die Information gerade einmal 18 Klicks. Doch sie wird zu einer einzelnen, gar lebensrettenden Info für jeden, der genau dort in nächster Zeit mit dem Fahrrad auf dem Hügel steht.

Links tauchen in immer mehr relevanten Sammelstellen auf

Ein handlicher Link zu solch einer mit Geodaten versehenen Info, der beim Radwandern auf dem Handy automatisch aufkommt, sobald man in der Nähe ist, wird der nächste Schritt. In der Linkökonomie von Google, Twitter und Co. scheint für solche Informationen fast unbegrenzt Platz. „Let’s clone Twitter“, sagt Robert Scoble, ein bei Twitter berühmter Journalist: Der Link zu einer solchen Info könnte digital kopiert in allen relevanten Sammelstellen auftauchen: im Navigationsgerät der Autofahrer, die dort vorbeirauschen, in digitalen Fahrradwanderkarten, die per Handy gestützt werden, im persönlichen „Feed“ des Ortsbürgermeisters von Ingeln-Oesselse. Ein „Twitterbot“, ein Stück Software, könnte genau dann aktiv auf diese Info hinweisen, sobald man sich in seiner Nähe befindet.

Die Technik ist da, sie ist nur häufig noch unsortiert, chaotisch und die Masse solcher Miniinfos nur vereinzelt zugänglich. Google macht es wie kein anderer vor, solche Daten zugänglich zu machen. Wer etwa nach „lebensgefährlicher Radweg Ingeln-Oesselse“ googelt, fand gestern genau diesen einen Treffer. Im nächsten Schritt der Internet-Revolution warnt das Handy davor, sobald man in der Nähe ist, weil vielleicht MyHeimat-Nutzer als besonders zuverlässig eingeschätzt werden, der Beitragende Gerd Zimmermann sowieso und besonders viele andere Netznutzer darauf verlinken. Und es könnte passieren, dass zwischenzeitlich andere Internetnutzer darauf reagieren, die Gefahrenstelle über die sozialen Netze als untragbar weiterverbreiten, Medien darüber berichten und schließlich das Ordnungsamt eine Leitplanke vor der Autobahn veranlasst.

Small is the new big

Das ist, was US-Autor Jeff Jarvis mit seiner Google-Ökonomie meint: Der kleine Link zu einer Info wird zum großen Ganzen – „Small is the new big“. Eine Kleinigkeit nur gilt es zu überwinden: jegliche kleine Info so mit dem großen Ganzen zu vernetzen, dass der „Information Overload“, das Ersticken in Datenmüll, ausbleibt.

1 Kommentar zu "Das Google-Elixier: Jeff Jarvis über die Linkökonomie"

  1. Viele Nutzer haben die Möglichkeiten im Netz noch nicht erkannt.

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