Schnurlostelefone nicht mehr sicher: DECT geknackt

1936: W48 Telefon (Siemens-Pressebild)

Sicherheitsexperten der Technischen Universität (TU) Darmstadt ist es gelungen, mit einem normalen Laptop Gespräche zu belauschen, die über Schnurlostelefone geführt wurden. Konkret knackten die Forscher das Sendeverfahren DECT, das bisher als sicher galt. Damit wird es nach bestätigten Informationen der Experten auch möglich, auf fremde Kosten zu telefonieren – und beispielsweise kostenpflichtige Rufnummern gezielt anzurufen.

DECT ist das weltweit am weitesten verbreitete Verfahren für Schnurlostelefone (nicht zu verwechseln mit der bei Handys eingesetzten Mobilfunktechnik). Es regelt, wie die Handgeräte ihre Verbindung zu einer im Haushalt angeschlossenen Basisstation aufnehmen. Nach Angaben der TU werden in Deutschland 30 Millionen DECT-Geräte genutzt. „Darüber hinaus kommt der Standard in Babyphonen, Notruf- und Türöffnungssystemen, in schnurlosen ec-Karten-Lesern und in Verkehrsleitsystemen zum Einsatz“, sagte einer der Forscher, Erik Tews, am Donnerstag der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Die Experten berichteten von ihrer Entdeckung auf dem 25. Chaos Communications Congress in Berlin, einem Treffen von Sicherheitsexperten aus aller Welt. Demnach reichten eine modifizierte Laptopkarte für 23 Euro und ein Linux-Laptop, um entsprechende Angriffe auszuführen. Laut Andreas Schuler, einem der Forscher, habe es gut einen Monat gedauert, die Geräte so einzustellen, dass damit die illegalen Lauschangriffe möglich wurden. Nach Angaben von Tews ist es darüber hinaus „bei bestimmten Geräten“ möglich, auf diesem Weg auf fremde Kosten zu telefonieren. In einer Großstadt wie Berlin habe er auf Anhieb rund 50 DECT-Netze in einer Straße gefunden, von denen „ein Bruchteil“ bereits mit den jetzt bekannt gewordenen Erkenntnissen knackbar sei.

„Selbst bei aktivierter Verschlüsselung ist es einfach, sich zum Beispiel von einem in der Nähe geparkten Auto aus in ein privates DECT-Funknetz einzuklinken“, erklärte Tews. Ein DECT-Funknetz reicht je nach örtlichen Gegebenheiten bis zu 200 Meter weit. Die Wissenschaftler konnten bei ihren Tests netzfremde Basisstationen mit Mobilteilen interner DECT-Funknetze verbinden.

Denselben Forschern war es bereits vor einiger Zeit als erste weltweit gelungen, eine bestimmte Verschlüsselung von Computerfunknetzen (WLANs) zu umgehen – mit der Folge, dass zahlreiche Geräte unbrauchbar wurden.

Zu Hilfe sei den Forschern eine Schwachstelle im DECT-Verfahren gekommen. So sind viele Schnurlostelefone durchaus in der Lage, die Gespräche zu verschlüsseln – doch genügte während der Experimente allein das Aussenden eines Signals, wonach in dem jeweiligen Funknetz Verschlüsselung nicht unterstützt werde, um die Geräte auf unverschlüsselte Kommunikation umzuschalten. Bei ihren Arbeiten nutzten die Experten frei zugängliche Informationen im Internet, darunter Unterlagen der Patentanmeldung einer Firma in Spanien.

Als sichere Alternative gelten nach Angaben der Darmstädter derzeit schnurgebundene Telefone. Auch Handys und öffentliche Mobilfunknetze gelten als sicher. Nachträgliche Sicherheits-Updates seien dagegen bei den meisten DECT-Geräten nicht möglich.

Kommentar: Hellhörig gemacht

Mal langsam: Auch nach den jüngsten Nachrichten von der Hacker-Front muss sich niemand sofort eine neue Telefonanlage samt Schnurlosgeräten zulegen. Aber möglicherweise bald. Denn seit dem Jahreswechsel ist bekannt, dass der technische Standard für Schnurlostelefone von Darmstädter Forschern geknackt werden konnte – und Telefonate damit künftig deutlich leichter belauscht werden können. Was nun aussteht, sind klare Stellungnahmen der Gerätehersteller.

Die Gefahr, künftig beim Telefonieren belauscht zu werden, ist ungefähr so realistisch wie die Gefahr, mittels Richtmikrofon oder Wanze von Fremden abgehört zu werden. Wer es darauf anlegt, hatte schon vorher Mittel und Wege, Gespräche zu belauschen. Nun kommt das Laptop als Angriffswaffe hinzu. Es einzusetzen ist lediglich eine Frage der kriminellen Energie und des Aufwands.

Noch sind die Anleitungen, die die Experten veröffentlicht haben, nicht detailliert genug, um eine Welle von Lauschangriffen auszulösen. Doch ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis andere die Erkenntnisse aufgreifen und weiterentwickeln. So ist durchaus zu befürchten, dass demnächst Angriffe per Laptop-Funk auf Schnurlostelefonnetze in Privathaushalten mit dem Ziel gestartet werden, um auf fremde Kosten zu telefonieren.

Das sollte hellhörig machen. Die Darmstädter pflegen einen offenen Umgang mit ihren Erkenntnissen, weil sie meinen, nur so die Hersteller von Telefonen zu Änderungen bewegen zu können. Wer also bei sich zu Hause oder am Arbeitsplatz Schnurlostelefone einsetzt, sollte demnächst beim Telefonhersteller nachfragen, was daraus geworden ist. Und weiterhin wachsam bleiben.

Von Marcus Schwarze



Kommentar hinterlassen zu "Schnurlostelefone nicht mehr sicher: DECT geknackt"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*