Zum Lesen am Kaminofen: Twitter für Einsteiger

Für Einsteiger bedeutet Twitter zunächst eine schwer durchschaubare Mechanik. Klar: Unter twitter.com sich kostenlos mit einem Pseudonym anzumelden dürfte noch jedem Internet-Surfer gelingen. Und dann?

Hier ein paar Handreichungen, um die Faszination, Möglichkeiten und Schwierigkeiten von Twitter zu ergründen.

Da ist man also frisch im sozialen Netzwerk Twitter angemeldet und doch erst mal allein. Die eigene Homepage findet sich unter twitter.com/pseudonym, wobei hinter dem Schrägstrich das bei der Anmeldung gewählte Pseudonym wie zum Beispiel homofaber oder hazde einzutragen ist, also http://twitter.com/homofaber beziehungsweise http://twitter.com/hazde [Update: mittlerweile http://twitter.com/haz]. Das ist die eigene Twitter-Seite. Wie findet man nun andere Nutzer? Die im Menü angebotene Suchen-Funktion von Twitter ist dafür weitgehend unbrauchbar. Hier kann man nur nach Mail-Adressen suchen. Es gilt, weiter zu forschen.

Statt dessen sollte man auf die versteckte Suche von Twitter wechseln: http://search.twitter.com. Hier kann man nach Stichworten im Twitter-Universum suchen – und so recht schnell zum Beispiel die jüngsten Beiträge finden, in denen Wörter wie „Hannover“, „Mumbai“ oder „Britney“ vorkommen.

Neben viel persönlichem Gequatsche von Unbekannten taucht so möglicherweise der eine oder andere interessante Beitrag auf. Nachrichtenmenschen stoßen vielleicht auf diesen Eintrag:

Hier twittert also jemand mit der Bezeichnung polizei_update und hat vor vier Stunden eine Information über ein „UEFA-Pokalspie…“ geschrieben. Mehr gibt’s unter der genannten Internet-Adresse. Bei tinyurl handelt es sich um einen Internet-Adressen-Verkürzer-Dienst. Anstatt der ellenlangen Adresse

http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/70246/1312370/bundespolizeidirektion_hannover/rss

wurde hier die verkürzte Fassung

http://tinyurl.com/54v6l4

eingetragen. Wer auf die kurze Adresse klickt, wird auf die lange umgeleitet – und erfährt so Näheres zu Plänen der Polizei zu einem Fußballspiel in Wolfsburg (so der Stand bei Veröffentlichung dieses Textes).

Hintergrund: Twitter-Beiträge sind auf 140 Zeichen begrenzt. Will man diesen Polizeiinfodienst ständig in seiner persönlichen Sammlung haben, erkundet man seinen „Tweet“: Das ist der Nachrichtenstrom, den polizei_update durch ständig neue Meldungen generiert. Einfach aufs Logo oder auf „View Tweet“ klicken, dann landet man bei http://twitter.com/polizei_update – und kann über das unscheinbare Feld „Follow“ unterhalb des Hubschrauber-Bildes sich als Follower, als Abonnent, eintragen.

Die Folge: Künftig erhält man auf seiner persönlichen Homepage http://twitter.com/pseudonym sämtliche Beiträge dieses Dienstes angezeigt.

Mühsam? Gewiss. Spannend wird dieses Abonnieren erst dann, wenn man das Geschreibe und Gequatsche mit anderen Dimensionen verknüpft: Zeit, Ort, Verfolgern und Verfolgten, Mininetzwerken ohne wirtschaftlichem Hintergrund irgend eines großen Konzerns. Ganz simpel beispielsweise, wenn man einmal nachschaut, wen andere im Netz abonniert haben.

Schauen wir beispielsweise einmal auf http://twitter.com/hazde – dort twittern Mitarbeiter der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Oben rechts sind zwei Zahlen genannt: „194 following_me“ und „140 followers_me“. Das heißt: Die HAZ-Leute selbst verfolgen, was 194 andere alltäglich twittern.

Was die HAZ im Twitter-Universum schreibt, erhalten 140 offensichtlich Interessierte bei sich auf dem Schirm, wenn sie sich mit Twitter beschäftigen.

Beide Zahlen sind anklickbar. Und so stellt man etwa fest, dass unter den Interessierten an dem Dienst so Pseudonyme wie zoomer_de, dieterbohlen (ja, der echte), SPDNDS, klingbeil09, weltkompakt, saschalobo und DerWesten eingetragen sind. Mit wenigen Klicks kann man sich wie die HAZ-Leute als Follower dieser Anbieter eintragen: erst aufs Logo, dann auf „Follow“ gehen.

Zusatzdienste am Rechner entfalten den Charme von Twitter

Mühsam ist es allerdings, wenn man sich über die Twitter-Beiträge dieser Nutzer auf dem Laufenden halten möchte. Der Weg über die eigene Homepage http://twitter.com/pseudonym macht auf Dauer keinen Spaß, um alle diese Beiträge nachzulesen. [Update: Das hat auch Holger Schmidt von der FAZ in einer Analyse vorgestellt. Die Webseite wirkt abschreckend, 60 Prozent der Erstnutzer kehren nicht zurück.]

Seinen ganzen Charme und konkreten Nutzen entfaltet Twitter erst dann, wenn man unmittelbar nach Einstellen neuer Nachrichten aus seinem Netz darüber informiert wird.

Das geht so. Nutzer des Browsers Firefox können sich ein Addon (also eine Programmerweiterung) namens Twitterfox installieren. Das gibt es hier: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/5081 – einfach „Zu Firefox hinzufügen“ anklicken und „installieren“, schon wird diese Minisoftware einen Firefox-Neustart später als kleines Symbol unten rechts angezeigt. Hier hinterlegt man mit einem Rechtsklick (unter Windows) seine Zugangsdaten zu Twitter, und dass das Miniprogramm beispielsweise „alle 3 Minuten“ nachschauen soll, ob neue Nachrichten aus dem persönlichen Twitter-Universum vorliegen. Fortan poppt aus dem kleinen Twitter-t unten rechts im Browser ein Fenster hoch, sobald andere etwas in ihren Nachrichtenfenster eingetragen haben. Persönlich kann man direkt darunter in einer Eingabezeile antworten.

Aber Vorsicht: Was man hier hineinschreibt, wird per Google- oder Twitter-Suche auffindbar. Persönliche Botschaften sollte man in diesem Modus besser vermeiden. Die zweite Crux: Direkt zu sehen, also beispielsweise innerhalb eines hochfahrenden Twitterfox-Fensters, bekommen diese Eintragungen nur diejenigen, die sich als Ihr „Follower“ eingetragen haben. Es nützt also nichts, wenn Sie sich erst als „Follower“ von „LarsHinrichs“, dem Chef von Xing, eintragen und ihm dann in Ihrem persönlichen Nachrichtenstrom („Tweed“) auf seine Verärgerung über dpa antworten. „LarsHinrichs“, der Echte, muss Sie selbst für interessant genug befunden haben, Ihnen zu „followen“. Jeder sucht sich eben selbst seine interessantesten Quellen.

Hinrichs hat laut seiner Homepage http://twitter.com/larshinrichs 133 Quellen, die ihn interessieren. Mehr als zehnmal so viele Twitternutzer verfolgen dagegen die Kurznachrichten des Geschäftsmanns.

Nicht alles Twittern ist öffentlich

Neben diesen stets öffentlichen Beiträgen gibt es außerdem die Möglichkeit, anderen zu antworten oder ihnen eine „direkte“ Antwort zukommen zu lassen. Die normale Antwort bekommt der andere in einem gesonderten Bereich namens „Replies“ von Twitter angezeigt. Dazu schreibt man das Pseudonym des Angeschriebenen mit einem davorgestellten @ in seine Botschaft.

Schreiben Sie also „@homofaber Netter Text“ in Twitter, erhalte ich diese Nachricht gesondert angezeigt, kann sie also unschwer übersehen – aber auch andere bekommen diese Nachricht zu sehen, sofern die anderen zu Ihren Followern gehören.  Die „direkte“ Antwort bekommt der Angeschriebene dagegen nur alleine zu sehen. Dazu setzt man ein „d“ gefolgt von einem Leerzeichen vor seine Botschaft. Dann erhält der Angeschriebene zusätzlich eine Mail mit dem Inhalt.

Schreiben Sie also „d homofaber Habe eine vertrauliche Info für Dich“. Bei Google & Co. werden diese persönlichen Nachrichten nicht gefunden. Wer will, kann seinen persönlichen Nachrichtenstrom auch komplett unöffentlich machen. Mit der entsprechenden Einstellung im Twitter-Menü erhalten andere nur durch personalisierte Freischaltung Zugriff auf die Kurznachrichten.

Viele andere Dienste nutzen Twitter und begründen neue Funktionen

Steigt man tiefer ins Twitter-Universum ein, ergeben sich unzählige auf dem System aufbauende Funktionen. Die Twitter-Leute aus den USA haben ihre Datenbank weitgehend für andere Dienste zugänglich gemacht. Mit dem Erfolg dieses nicht nur browserbasierten Kurznachrichtendienstes springen viele weitere Firmen mit nützlichen Anwendungen auf. Fachleute nennen das Mashups: miteinander vernetzte Netze.

Einer davon ist twittermap.com: Der Dienst hat eine Weltkarte mit der Twitterdatenbank verknüpft. Dort lässt sich auf die Schnelle herausfinden, wo beispielsweise in Mumbai, dem indischen Bombai, zuletzt Twitterfreunde aktiv waren. Während der Terrorangriffe in der indischen Wirtschaftsstadt nutzten einige Nachrichtensender wie CNN und die britische BBC diese Funktion, um Kontakt zu ortsansässigen Internet-Nutzern herzustellen. Auf die Schnelle abonniert, erhalten Journalisten auf diesem Weg Zugang zu Fremden, können ihnen direkte Fragen zum Geschehen stellen und eine Telefonnummer für weitergehende Informationen erfragen.

Hintergrund ist die so genannte Geoinformation, die man als Twitter-Nutzer zusätzlich hinterlegen kann. Darin legt man fest, wo man sich gerade befindet. Eine Angabe wie „L: Hannover, Germany“ hinterlegt etwa die „Location“ (Ortsangabe) Hannover in dem Dienst – und fortan finden andere über Twitter, Twittermap oder weitere Twitterdienste auch Ihre Beiträge aus diesem Standort.

Diese Geoinformation eröffnet eine weitere Dimension. Zunehmend können Handys diese Angaben über ihren Standort mitversenden – sei es eine schriftliche Angabe wie der Name der Stadt oder eine mathematische Angabe in Breiten- und Längengraden.

Fürs iPhone von Apple beispielsweise gibt es kostengünstige Software wie den Twittelator Pro, mit dem man unterwegs bequem „mal eben“ twittern kann. Die Software ist in der Lage, Twitter-Feeds aus der näheren Umgebung anzuzeigen, etwa in einem Umkreis von 25 Kilometern. Da liegt es nahe, in einer fremden Stadt mal eben die Twitter-Nutzer aus der Umgebung anzutwittern: „Bin neu in Hannover, suche über Twitter – suche eine Kneipe mit gutem Guinness. Empfehlungen?“ Gegenwärtig nutzen zwar vor allem die „early adopters“, die ständigen Erstnutzer neuer Technik Twitter, so dass man keinen repräsentativen Querschnitt von Antworten erwarten darf. Aber für neue Kontakte taugt der Dienst allemal.

Für den Journalismus ergeben sich zusätzlich neue Quellen, ein weiterer Nachrichtenkanal: Über den Dienst http://hashtags.org im Zusammenspiel mit http://twitterfeed.com ist es beispielsweise mit geringem Aufwand möglich, das Twitteruniversum anhand bestimmter Suchbegriffe zu verfolgen. Immer wenn jemand irgendwo in der Welt das Stichwort „Hannover“ eintwittert, erhält man beispielsweise solche Nachrichten. Da ist dann natürlich viel Irrelevantes dabei. Aber als neulich im hannoverschen Hauptbahnhof die Züge still standen und es zu langen Verspätungen kam, war es der Twitterdienst, der auf diesem Weg Eingang in die Berichterstattung der Zeitung fand.

Ein Twitter-Teilnehmer hatte gefragt, warum die Züge still stehen, ein anderer konnte kurz darauf als Auskunft geben, dass es einen Suizid gegeben habe. Ein Polizeireporter bekam diese Information mit, fragte offiziell bei der Pressestelle der Bahn nach. Sie bewahrheitete sich. Kurz darauf erschien die Meldung darüber im Online-Dienst der Zeitung. Pressestellen, Nachrichtenagenturen und etablierte Medien dürften durch Twitter zusätzlich getrieben werden, aktuell und sicher zu berichten.

Retwittering verbreitet Gerüchte

An der klassischen journalistischen Regel, eine zweite Quelle für eine bestimmte Information einzuholen, dürfte allerdings auch in Zukunft kein Weg vorbei führen. Falschmeldungen pflanzen sich über Twitter ebenso schnell fort, weil es vielfach praktiziert wird, Gelesenes als „Retwittering“ oder kurz „RT“ ungeprüft weiterzuverbreiten. Da bekommt man dann beispielsweise  aus seinem persönlichen Twitter-Universum sinngemäß die Mitteilung „RT: @xyz Indische Regierung bittet darum, Twitter-Dienst wegen der Angriffe in Mumbai einzustellen“. Die Quelle xyz ist dabei kaum zuverlässig – und auch wenn man bei xyz nachschlägt, wen derjenige abonniert hat, verläuft die Recherche im Sande.

Weitere Suchen über search.twitter.com und Google verlaufen ebenso – und als einzige Botschaft bleibt am Ende: Die indische Regierung hat die Medien lediglich allgemein dazu aufgerufen, zurückhaltend zu berichten, um den Terroristen keine zusätzlichen Informationen über die Vorhaben der Antiterrorkräfte zu geben. Keine Rede davon, dass ausgerechnet Twitter noch schneller als das Fernsehen sei. Im Detail eine Falschmeldung.

Hardcore-Twitter-Nutzer werden über Dienste wie http://monitter.com zusätzlich bedient – dort laufen auf Basis eingestellter Stichwörter nahezu in Echtzeit die Beiträge von Twitter-Nutzern ein – von vielen Enthusisasten ebenso wie von Nachrichtenmedien. Mit entsprechender Programmierung lassen sich so auch Kanäle programmieren, die alle seriösen Eilmeldungsdienste dieser Welt vereinen. „Spiegel_Eil“ und „BreakingNewsOn“ sind zwei solche Dienste.

Auch Falschmeldungen und unbestätigte Gerüchte bekommen über Twitter so eine zusätzliche und gefährliche Dynamik. Fraglich ist auch noch, wie das Genre sich handhaben lässt, wenn immer mehr Nutzer mitmachen. Journalisten werden auch künftig ihre Arbeit machen müssen, Nachrichten zu überprüfen. Aber sie bekommen über Twitter einen neuen Weg mit geringerer Hürde zu bestimmten Lesern.

Twitter-Nutzer können auf den zur Verfügung stehenden 140 Zeichen (nicht Zeilen) mal eben schnell hinausposaunen, dass Züge im Bahnhof zwei Stunden Verspätung haben; ob das stimmt und warum das so ist und ob das eine Nachricht ist, müssen weiterhin und künftig noch viel besser als bisher Journalisten bewerten und beschreiben.

Von Marcus Schwarze

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