Der Wechsel: Linux statt Vista

UbuntuMit langem Anlauf, aber offenbar auch langem Atem entwickelt sich das Computerbetriebssystem Linux zunehmend zur Alternative zu Windows und OS X. Vorläufiger Höhepunkt ist seit Kurzem Ubuntu 7.10 – ein Linux, wenn nicht das Linux, das das Zeug zur Massentauglichkeit besitzt. Nach einem Jahrzehnt Windows, darunter ein Jahr Vista, wage ich daher nun den Wechsel aufs alternative Betriebssystem.

Ubuntu ist bereits seit Oktober 2004 als eine von vielen Linux-Versionen frei im Internet erhältlich: Man lädt sich mit Hilfe eines schnellen Internet-Anschlusses eine riesige Datei herunter, brennt sie mit Windows oder OS X auf eine DVD, anschließend startet man den Rechner bei eingelegter DVD neu – und findet sich in einem Installationsmenü für Linux wieder. Bisher musste man höllisch aufpassen, beim Installieren des neuen Betriebssystems nicht versehentlich die bereits vorhandene Windows-Installation auf dem PC mitsamt allen Daten zu zerstören. Nicht mehr so bei Ubuntu, zumindest anfangs.

Das System startet als Live-DVD. Das heißt, die Daten auf der Festplatte bleiben zunächst unangetastet. In aller Ruhe kann man sich mit dem System vertraut machen, seine Bedienung und alle bereitgestellten Programme erkunden und die Kompatibilität zu den Gerätschaften wie Monitor, Drucker, Internetanschluss oder Scanner erforschen.

ubuntu.pngDas System läuft nahezu komplett im Arbeitsspeicher – mit den Voreinstellungen von der Speicherscheibe, aber auch mit der Gewissheit, keine vorhandene Installation zu beschädigen. Schaltet man den Computer aus, gehen die veränderten Einstellungen verloren. Oder aber man entscheidet sich, Ubuntu als „zweites System“ auf dem Computer zu installieren. Dann könnten in der Tat vorherige Daten auf der Festplatte gefährdet sein, wenn man nicht weiß, was man tut. Beim nächsten Hochfahren bietet der PC dann an, wahlweise Windows oder Ubuntu zu starten. Am einfachsten und sichersten gelingt das mit einer extra Festplatte im PC, die es vielleicht noch ausgemustert aus einem alten PC im Schrank gibt. Mindestens 10 Gigabyte sollten es schon sein. Im Handel sind weitaus größere Festplatten erhältlich, die zum Beispiel 140 Euro für eine 500-Gigabyte-Platte kosten. Für einen bloßen Test nach dem Motto „Was taugt Linux?“ wäre das mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Experten gelingt auch die Installation in einer extra dafür freigeschaufelten Partition auf der vorhandenen Festplatte.

Der Computerzeitschrift „c’t“ ist es zu verdanken, dass die dafür notwendigen Arbeiten ausführlich dokumentiert auf preiswertem Papier vorliegen. Der Verlag hat ein Sonderheft auf den Markt gebracht, das die aktuelle Ubuntu-Version 7.10 auf zwei DVDs enthält. Für Fortgeschrittene und ambitionierte Einsteiger unter den Computernutzern ist das Heft eine nützliche Anleitung zur Beantwortung der Frage: Lohnt sich der Wechsel zu Linux?

Im Vergleich der Systeme ist das freie Ubuntu wie der schnittige schlichte Motorroller inmitten einer Fahrzeugflotte aus amerikanischen überdimensionierten Geländewagen (Windows) und eleganten Sportautos (OS X): Klar unterschätzt, mit dem nötigen fahrerischen Können aber in jedem Fall geländegängiger, und fast jedes Ziel lässt sich damit ebenso wie mit der Konkurrenz erreichen – manchmal dauert es eben etwas länger. Man hat ständig die komplette Kontrolle über jede einzelne Schraube, auch im schwierigen Terrain. Noch an der letzten Radmutter kann man drehen, und das Gefährt steht schnell und schlank zur Verfügung.

In der Praxis erscheint der Ubuntu-Startbildschirm wesentlich schlichter als bei den kommerziellen Betriebssystemen. „Anwendungen“, „Orte“ und „System“ heißen die drei Hauptnavigationspunkte für die Bedienung. Für nahezu jedes verbreitete Windows-Programm gibt es ein Pendant in der Linux-Welt: Als E-Mail-Software kommt Evolution zum Einsatz, das ganz ähnlich wie Outlook oder Thunderbird funktioniert. Zum Internet-Browsen gibt es den Firefox mit nahezu identischer Bedienung wie bei der namensgleichen Windows- und OS-X-Software. Zum Hantieren mit Dateien wird der Datei-Browser Nautilus eingesetzt, der ähnlich wie der Explorer unter Windows in einem Fensterbereich links die wichtigsten Speicherorte auflistet und in einem großen Bereich rechts die enthaltenen Verzeichnisse. Und für die Bildbearbeitung und -übersichtlichmachung, den Videoschnitt oder die Soundzusammenstellung gibt es in den Weiten des Linux-Universums mit Sicherheit die richtige Software – man muss nur lange genug danach suchen.

Beim Erkunden des Systems merkt man: Die Macher haben viele funktionierende Logiken von Microsoft übernommen – vielfach haben auch die Microsoft- und Apple-Programmierer die eine und die andere gute Idee adaptiert. Ein Rechtsklick auf ein Objekt bringt die unter Windows bekannten Eigenschaften-Menüs, und mit Hilfe von Tastenkombinationen wie Alt-Tab oder Windows-Tab scrollt man unter Ubuntu so elegant wie unter dem Sound-Verwaltungsprogramm iTunes von Apple durch einzelne Fenster: Die Fenster werden dann wie auf einer Bühne angeordnet und rutschen auf einer virtuellen Fläche durchs Gelände.

Unter der Haube regeln zahllose Textdateien das Gebahren von Linux. Das ist von Vor- und Nachteil. Der Vorteil ist, dass tatsächlich jede einzelne Einstellung dem Nutzer zugänglich ist; der Nachteil, dass man versehentlich viel verstellen kann.

Ohne das Internet könnte Linux kaum funktionieren. Dort, unter der Beteiligung vieler freiwilliger aus aller Welt und noch mal so vieler Angestellten aus Computerfirmen, ist das System entstanden. Hat man ein technisches Problem an seinem Linux-PC, ist Google die wichtigste Hilfe. Beispielsweise gelang es uns nicht auf Anhieb, die zwei angeschlossenen Monitore am PC auch unter Ubuntu einzustellen, beide zeigten das gleiche Bild. Viel lieber wollten wir aber einen erweiterten Desktop nutzen. Google leitete nach ausführlicher Lektüre in vielen Textbeiträgen zu den nötigen Befehlen, die im so genannten Terminal von Linux einzugeben waren.

Das Terminal ist der Texteingabemodus unter Linux: In einem eigenen Fenster, Konsole genannt, gibt man Textbefehle wie „ls“ ein, um zum Beispiel den Inhalt des aktuellen Verzeichnisses zu erkunden. Wer Linux ernsthaft nutzen möchte, wird auch unter Ubuntu nicht umhin kommen, sich mit der grundlegenden Bedienung der Konsole zu beschäftigen. Da gibt es viel zu lernen. Wer allerdings erstmal verstanden hat, eine Konfigurationsdatei mit Hilfe eines spartanischen Textprogramms wie „vi“ zu überarbeiten, wird im Zusammenspiel mit vielfältigen Hilfestellungen anderer im Internet noch für jedes technische Problem am PC eine Lösung finden. Der Vorteil von Linux ist: Viele andere hatten schon dieselben Probleme – und schreiben im Internet über ihre Lösungen.

Die Crux ist unter Linux häufig das Fehlen nötiger Treiber für bestimmte Hardware. Die Gerätehersteller bedienen in aller Regel Windows, vielleicht OS X und eventuell Linux. Da kann es dann passieren, dass ausgerechnet der gerade angeschaffte Scanner von Canon unter Linux nicht auf Anhieb zur Nutzung zu bewegen ist. Dann wieder gibt es für Experten detaillierte Anleitungen, auch einen Windows-Treiber unter Linux nutzbar zu machen. Die Suche danach kann immer aufwendig werden, aber nach dem Fund kann man mit Sicherheit von sich sagen: Das Gerät hat man im Griff.

Ubuntu nimmt dem Nutzer dabei viel an lästiger Suche ab. Erstmals steht eine Linux-Variante zur Verfügung, die durch viele Vorentscheidungen der Zusammensteller ein flüssig bedienbares System bereitstellt. Weiterhin ist viel Einarbeitung notwendig – aber weitaus weniger als bisher.

Hinter Ubuntu …

  • … steckt der südafrikanische Millionär Mark Shuttleworth, der die südafrikanische Ubuntu-Stiftung gegründet hat. Das Ziel ist die Verbreitung eines Betriebssystems unter der so genannten GPL-Lizenz. Das bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, dass das komplette System von jedermann kostenlos nutzbar und veränderbar ist. Auch darauf basierende Weiterentwicklungen müssen, wenn sie veröffentlicht werden, mitsamt allem hinzugefügten Gehirnschmalz (Quellcode) frei zugänglich gemacht werden. Bei Windows und OS X sind große Teile der Software auch für Experten nicht einsehbar. Ubuntu gewinnt vor allem in der dritten Welt an Bedeutung.
  • … steckt als Basis eine andere Linux-Zusammenstellung namens Debian, die vielen als die „reinste“ Linux-Betriebssystemversion gilt. Auch Debian kann man wie Ubuntu kostenlos aus dem Internet herunterladen – doch ist es am Ende noch schlanker und setzt anders als Ubuntu weniger Vorgaben, was die Verwendung von Bedienoberfläche und Nutzungsgrad angeht.
  • … steckt auch Linux-Gründer Linus Torvalds aus Helsinki: Der Finne entwickelte 1991 mehr als Hobby das Terminal zur Bedienung einer Textkonsole auf dem PC und nannte es „Freax“. Der Betreiber des Internet-Servers, unter dem Torvalds sein Mini-System veröffentlichte, benannte das System eigenmächtig in „Linux“ um. Durch die Veröffentlichung im Internet wurden viele andere Interessierte darauf aufmerksam und entwickelten eigene weitere Funktionen. Noch heute ist Torvalds der wichtigste Entscheider bei der Weiterentwicklung des grundlegenden Basiscodes von Linux, des Kernels. Er und die anderen Entwickler kommunizieren vor allem per E-Mails in so genannten Mailing-Lists: großen Verteilern, an die sich jedermann anschließen kann.
  • … tummeln sich in der Linux-Welt mehrere hundert unterschiedliche Zusammenstellungen. Zu den bekanntesten zählen Novell SUSE, Fedora und Debian. Viele Web-Auftritte funktionieren nur dank Linux-Software. Firmen verdienen ihr Geld weniger mit der auf bestimmte Zwecke ausgerichteten, eigens dafür zusammengestellten Linux-Software, sondern mit dem „Danach“: der Hilfestellung und Weiterentwicklung im Alltagsbetrieb.

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